4.5.2 Kulturlandschaftswandel in der Steiermark anhand historischer Karten

4.5.2 Kulturlandschaftswandel in der Steiermark anhand historischer Karten

Einleitung

Das Thema Kulturlandschaftswandel anhand historischer Karten wird für den Raum Graz, Mur bei Wildon, Enns bei Trautenfels, Stainz, Leibnitz/ Schloss Seggau und das Almenland in der Weststeiermark dargestellt und beschrieben. Es wurden sechs Karten und Abbildungen erstellt, die die Entwicklung des Raumes ab dem 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart widerspiegeln. Die Datengrundlagen der Karten, wenn nicht anders angeführt, entstammen dem Landesarchiv Steiermark und dem GIS Steiermark.


 

Josephinische Landesaufnahme 1784/85

Eine kurze Einführung in die historische Vermessung Österreichs und somit auf die Datenbasis für die kulturlandschaftlichen Vergleiche, finden Sie in Kapitel 4.5.2. des Schulatlas Steiermark. Bevor detailliert auf den Inhalt der Karten und die Darstellung des Kulturlandschaftswandels eingegangen wird, erfolgt hier eine kurze Zusammenfassung.


Abb.1: ÖK50, Franziszeischer Kataster und Luftbild im Raum Graz (Quellen: ÖK50 (BEV) und GIS Steiermark)

Schon seit mehreren Tausend Jahren versucht der Mensch seine Umgebung und seinen Lebensraum abzubilden. Die Qualität und Genauigkeit der produzierten Karten stiegen stetig mit der Entwicklung der Wissenschaft und der Gesellschaft. So entstanden viele Zeichnungen und Kupferstiche diverser Gebiete, die die Topographie und die Kulturlandschaft abbildeten und so für die Nachwelt ein Zeitzeugnis bewahrten. Diese frühen Karten und Abbildungen dienten vor allem der Bewahrung für die Nachwelt, der Orientierung und als Reisekarten. Später wurden Karten auch vermehrt zur militärischen Kriegsführung eingesetzt. Die Anforderungen an die Genauigkeit und Detailliertheit der Karten stieg stetig. Um die verschiedensten Kartenwerke mit unterschiedlichster Detailliertheit in Vermessung und Kartographie zu vereinheitlichen und um alle Grundstücke und Verwaltungseinheiten für die Steuergrundlage zu erfassen, wurde ab dem 19. Jahrhundert die Landesaufnahme von Seiten des Staates durchgeführt und archiviert. In Österreich gibt es 4 Phasen der Landesaufnahme, die im nächsten Unterkapitel näher beschrieben sind.

Heute sind zusätzlich zu den historischen Kartenwerken, die analog in den Archiven einliegen, noch Luftbildkarten, Oberflächenmodelle und dynamische Karten verfügbar, die einen Vergleich mit der Vergangenheit sehr gut ermöglichen und die historische Entwicklung vergegenwärtigen. Im GIS Steiermark sind historische Kartenwerke georeferenziert und aufwendig digital aufbereitet und erlauben so einen sehr guten Vergleich mit heutigen Daten. Es handelt sich dabei um die Vischer-Karte aus 1678 (Karte 4.5.2.1) und die Josephinische Landesaufnahme aus 1784/1785 (Karte 4.5.2.2), die vollständig verfügbar sind sowie um den Franziszeischen Kataster aus 1820 bis 1825, der laufend weiter bearbeitet wird (Karten 4.5.2.3 und 4.5.2.4).

Erklärung

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Vischerkarte 1687

Erklärung

Franzisceischer Kataster 1820 – Graz

Kulturlandschaftswandel am Beispiel „Raum Graz“ (zur Karte 4.5.2.3)

Der Kulturlandschaftswandel bezieht sich sowohl auf räumliche als auch auf zeitliche Veränderungen, die vom Menschen initiiert und verursacht wurden.


Abb. 2: Kupferstich von Graz, Matthäus Merian aus dem Jahr 1649 (Quelle: Österreichisches Staatsarchiv, Städteatlas Graz, www.mapire.eu, Juli 2017)

Der Kupferstich von Merian aus dem Jahr 1649 (siehe Abbildung 2) zeigt schon eine beachtlich gewachsene und gut befestigte Stadt. Aufgrund der Lage an einer Furt (Murbrücke) und der Schutzlage an der Burg (Schlossberg), entwickelte sich am ostseitigen (linken) Ufer der Mur, zwischen Mur und Schlossberg, der erste Stadtkern. Das westseitige (rechte) Murufer blieb unbefestigte Murvorstadt, wie auch in der Abbildung 9 gut erkennbar ist. 1564 wurde Graz unter Erzherzog Karl II. zur Hauptstadt Innerösterreichs und blieb es bis 1749. Die Stadt wurde ab der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts mit einem Festungsring, bestehend aus zehn Bastionen und verbindenden Kurtinen, versehen. Auch der „Stadtgraben“ wurde in dieser Zeit angelegt. In die Stadt gelangte man durch 11 Burgtore, von denen heute noch zwei erhalten sind (Burgtor und Äußeres Paulustor). Die Mur floss noch nicht tief eingeschnitten, sondern ausladend mit Seitenarmen, Sandbänken und einer Insel durch die steirische Hauptstadt. Die Stadt entwickelte sich erst durch die Lage an einer Furt der Mur, wo bald eine Brücke, und noch lange die einzige Brücke, darüber entstand. Die Gefahr einer Überflutung der tiefergelegenen Teile der Stadt war immer gegenwärtig und durch große Regenmengen oder die Schneeschmelze im Einzugsgebiet sogar wahrscheinlich.

Weiters ist im Kupferstich von Merian (Abbildung 2) eine deutliche Überhöhung der Bildinhalte zu erkennen. Der Schlossberg und der Schöckl, um zwei Beispiele zu nennen, sind wesentlich höher, spitzer und steiler dargestellt, als in Wirklichkeit. Weiters werden Kirchen und Burgen in den Fokus der Darstellung gerückt. Neben den Bauten am Schlossberg und in der Innenstadt sind die Mariahilferkirche und der Kalvarienberg an der Westseite von Graz deutlich zu erkennen. Die Leechkirche im Osten ist ebenso gut zu erkennen. Weiters fällt eine relativ geringe Bewaldung des Gebietes auf, sodass im Westen die Burgruine Gösting zu sehen ist. Die geringe Bewaldung zu dieser Zeit ist sowohl auf den Platzbedarf an landwirtschaftlich genutzten Flächen, als auch an den hohen Holzbedarf zu Heiz- und Bauzwecken zurückzuführen.

Georg Matthäus Vischer war einer der bedeutendsten österreichischen Topografen, Kartografen und Kupferstecher seiner Zeit (17. Jahrhundert).
Auf der Karte von Vischer aus dem Jahr 1678 (Karte 4.5.2.1) ist sehr gut der historische Stadtkern mit der Stadtmauer und den Befestigungsanlagen am linken Murufer zu erkennen. Die damaligen Vororte, die heute in die gewachsene Stadt eingegliedert und eingemeindet sind, sind als eigenständige Orte kartiert. Wichtige Gebäude (Schlösser, Kirchen, etc.), aber auch die wichtigsten Erhebungen sind perspektivisch dargestellt. Dies erleichterte sicher die Lesbarkeit der Karte und somit die Orientierung (Burgruine Gösting, Schloss Eggenberg, etc.). Die größten und wichtigsten Nebenflüsse der Mur, wie etwa im Bereich Graz der Schöcklbach und der Grazbach, sind auch abgebildet, jedoch größtenteils unbeschriftet. Es wurde aber erstmals der Versuch unternommen Gebiete nicht perspektivisch, sondern mittels Projektionen flächendeckend einheitlich darzustellen.

Auf dem Ausschnitt der Josephinischen Landesaufnahmen (Karte 4.5.2.2) im Raum Graz von 1784/85 kann man die topographischen Gegebenheiten des Raumes gut erkennen. Die Ausdehnung des Stadtgebietes und der umliegenden Dörfer sowie der Verlauf der Mur und die Ausdehnung des Auwaldgebietes sind gut abzugrenzen. Ein genauer Wandel im Stadtgebiet Graz ist aus dieser Darstellung nicht abzuleiten, da der Fokus bei der Erstellung auf der militärischen Nutzung und der topographischen Darstellung lag.

Der Franziszeische Kataster (Karte 4.5.2.3) ist die erste kartographische Abbildung jedes Grundstückes im vermessenen Gebiet. In Graz wurden die Vermessungsarbeiten im Jahr 1820 durchgeführt. Die Veränderungen sind deutlich:

Durch die Aufhebung der Festungswerke durch Kaiser Joseph II. 1784 wurden ab dieser Zeit die Befestigungswälle bepflanzt und die Stadterweiterung hielt Einzug. Die Stadt erhielt im Zuge der Öffnung im Jahr 1787 eine zweite Brücke über die Mur, die Radetzkybrücke. Weiters entwickelte sich Graz Richtung Süden, wo der Jakominiplatz als eines der vorstädtischen Zentren hervorsticht. Die weitere Verbauung in Richtung Süden erfolgte um den Grazbach bzw. entlang wichtiger Ausfahrtsstraßen. Die Festung am Schlossberg musste 1809 nach dem Frieden von Schönbrunn geschleift werden, mit Ausnahme des Uhrturms und des Glockenturmes, die von Bürgern abgelöst wurden. 1839, nach der Erstellung des Franziszeischen Katasters, wurde der Schlossberg in eine Parkanlage umgewandelt.

Die großen Marktzentren der Murvorstadt waren der Gries-Platz und der Lend-Platz, die linsenförmig entlang der Mur entstanden. Durch die Ufersicherung der Mur setzte sich schließlich auch hier die Stadterweiterung und Verbauung durch, die an der wichtigen Nord-Süd-Verbindung (Wien-Triest) liegt. Die Annenstraße (1844) und die Keplerstraße (1875) wurden erst nach der Vermessung des Franziszeischen Katasters erbaut um die Zufahrt zum 1844 neu errichteten Bahnhof zu ermöglichen.

Durch die Aufhebung des Festungswerkes 1784 entwickelte sich die Stadt auch östlich, rund um das Festungsglacis, städtebaulich weiter. Im Jahr 1820 waren erst vor allem die Bereiche um wichtige Ausfahrtsstraßen und um die Leechkirche verbaut, was sich bald ändern sollte.

Die Mur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht reguliert, aber die Ufer wurden gesichert. Die Gefahr von Hochwässern war jedoch allgegenwärtig. Nur 7 Jahre nach der Erstellung des Franziszeischen Katasters wurde Graz von einem weiteren katastrophalen Hochwasser heimgesucht (siehe Abbildung 3).


Abbildung 3: Hochwasser vom 8. Juni 1827, links der Rest der zerstörten Hauptbrücke. Aquarell von Josef Kuwasseg (KK) (Quelle: https://austria-forum.org/)

Heute ist das Grazer Stadtgebiet um einiges größer als im Jahr 1820. Das Einsetzen des wirtschaftlichen Aufschwungs durch Beginn der Industrialisierung wird Gründerzeit genannt. In Graz werden in dieser Zeit, die langsam nach 1840 einsetzte und bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges dauerte, wichtige Ausfahrtsstraßen, wie die Annenstraße Richtung des neu errichteten Hauptbahnhofs (1844), die Elisabethstraße in Richtung Osten (1841), die Theodor-Körner-Straße Richtung Norden und die Conrad-von-Hötzendorf-Straße Richtung Süden, also Richtung des 1873 eröffneten Ostbahnhofs, angelegt und so die Bebauung in diesen Bereichen forciert.

Weiters wurde nach der Schleifung der Festungsanlage am Schlossberg, der so entstandene freie Bereich ab 1839 in eine Parkanlage umgestaltet. Generell wurden im Zuge der Stadterweiterung viele Parkanlagen angelegt und gestaltet, wie zum Beispiel der Stadtpark am früheren Glacis ab 1869, oder 1875 der Volksgarten.

Ab 1880 entstanden auch immer mehr Brücken über die Mur, um die neu entstandenen Stadtteile miteinander zu verbinden.

Am Schlossberg entstanden weiters im Jahr 1893 die Schlossbergbahn und in der Zeit des Ersten Weltkrieges zwischen 1914 und 1918 der Kriegssteig, oder auch Felsensteig vom Schlossbergplatz auf den Schlossberg.

Das Stadtgebiet von Graz wurde auch durch die Eingemeindungen in der Zeit des Nationalsozialismus vergrößert. 1938 entstanden durch Integration der umliegenden Gemeinden die 16. Stadtbezirke von Groß-Graz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die heutige Ausdehnung von Graz festgelegt. Der Bezirk Puntigam, der heutige 17. Stadtbezirk, wurde erst 1988 in seiner heutigen Ausdehnung festgelegt.

Die Mur hat ihr Aussehen seit der Vermessung des Franziszeischen Katasters im Jahr 1820 sehr verändert. Vor allem durch die Murregulierung im Jahr 1875 wurde das Aussehen der Mur im Stadtgebiet geprägt. Es entstanden Kaibauten, wie der Kaiser-Franz-Josef-Kai und die Mur tiefte sich über die Jahre immer weiter ein. Die Gefahr von Hochwässern besteht jedoch heute nach wie vor.

Erklärung

Franzisceischer Kataster 1820 – Mur bei Wildon

Kulturlandschaftswandel am Beispiel „Mur südlich von Graz“ (zur Karte 4.5.2.4)

Die Mur südlich von Graz ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich der Kulturlandschaftswandel außerhalb der städtischen Gebiete in vermeintlich naturbelassendem Gebiet ausgewirkt hat. Der Bereich um Wildon wird hier nur als ein Beispiel von vielen herangezogen.

Die Mur unterschied sich wesentlich von der Gestalt des Flusses zu heutiger Zeit. Sie war ein breiter Fluss, der noch nicht so tief eingeschnitten, ausladend mit Seitenarmen, Sandbänken und Inseln ins Grazer Feld strömte.

Im oberen Flusslauf, also in der Obersteiermark bis zum Mur-Durchbruch in Gösting, floss die Mur weitgehend in Tälern, wo die Ausprägung eines breiten Flussbettes nicht gut möglich war. Mit dem Eintritt in das Grazer Feld war plötzlich die Möglichkeit für das Wasser gegeben, sich auszubreiten. Ab hier war die Mur durch weit ausladende Seitenarme, Sandbänke, Inseln und ein sich ständig veränderndes Flussbett gekennzeichnet.

Durch die Schwankungen in der Wasserführung zwischen hohen Durchflüssen im Frühjahr/Sommer und niedrigen Durchflüssen im Herbst/Winter, bildete sich ein sich ständig veränderndes Flussbett, welches durch Ablagerungen von Sand und Schotter, Überschwemmungen und Abtragung gekennzeichnet war.  So bildete sich südlich von Graz eine beeindruckende Aulandschaft aus, die sich durch eine einzigartige Fauna und Flora sowie durch ein sich schnell veränderndes Flussnetz kennzeichnete.

Augebiete zeichnen sich als Lebensraum für eine Artenvielfalt an Tieren aus. Auch die typische Auwaldvegetation, die unter vielen anderen Arten auch aus Weiden- und Erlenarten besteht, ist ein bezeichnendes Merkmal. Die Auböden, die durch stetigen Grundwassereinfluss entstehen, nennen sich Gleye.

Zur Zeit Merians um 1649 war diese Landschaft mit ihren Merkmarlen genauso intakt wie zur Zeit Vischer 1678 oder der Josephinischen Landesaufnahme 1784/1785. Lediglich forstwirtschaftliche und etwas landwirtschaftliche Nutzung an den Ufern und die Jagd nahmen anthropogenen Einfluss auf die Gestalt der Auen.

Im Kupferstich von Merian aus dem Jahr 1649 (siehe Abbildung 2) sieht man auch im Grazer Stadtgebiet einen Mur-Fluss, der sich wesentlich vom heutigen Zustand unterscheidet. Die Mur war ein breiter Fluss, der noch nicht so tief eingeschnitten war und mit Sandbänken, Schotterablagerungen und -inseln weiter ins flachere Grazer Feld floss. Der Fluss teilte sich im Stadtgebiet auf und es gab zu dieser Zeit nur eine einzige Brücke über die Mur. Im Au- und Sumpfgebiet der Mur in Graz ist abgelegen im südwestlichen Bereich das ehemalige Jagdschloss Karlau mit dem umliegenden Tiergarten und Jagdgebiet in der Au zu erkennen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Schloss als Gefängnis genutzt. Weiters ist auf der rechten, westlichen Murseite schon der Mühlgang zu erkennen. Dies ist eine Ausleitung aus der Mur, welche, wie der Name schon nahe legt, zum Betrieb von Mühlen angelegt wurde. Die Gefahr von Hochwässern war in Graz allgegenwärtig. Größere Regenmengen oder die Schneeschmelze gipfelten oft in Überschwemmungen des damaligen Stadtgebietes. So ähnlich unberührt war auch das Flussbett der Mur im Gebiet um Wildon.

Im Franziszeischen Kataster aus dem Jahr 1820 (Karte 4.5.2.4) ist die Ausdehnung der Mur und des Auwaldes besonders gut abgebildet. Es sind zahlreiche Seitenarme zu sehen, die auch heute noch im Luftbild erkennbar sind. Die Mur mäandrierte wo es möglich war und bildete im Flussverlauf Sand- und Schotterbänke aus, deren Gestalt und Lage auch ständigem Wechsel unterzogen war. Eine ackerbauliche Nutzung war in Bereichen, die als natürliches Überschwemmungsgebiet dienten, nur schwer möglich. Vor allem durch wiederkehrende Hochwässer im Sommer, bei denen sich auch der Flussverlauf regelmäßig änderte, war eine Nutzung als Weide oder Grasland problematisch oder unmöglich. Die Nutzung der Augebiete war jedoch durch die Jagd gegeben. Die Mur wurde zu dieser Zeit noch als Verkehrsweg genutzt. Flöße und kleine Schiffe waren zum Transport von Waren und auch Personen auf der Mur unterwegs.

Im Jahr 1875 wurde mit der „Murregulierung“ begonnen. Ziel dieses Projektes war es, die Mur in ihrem stark mäandrierenden Flussbett einzuschränken und so Überschwemmungen und Schäden an landwirtschaftlichen Nutzflächen und an in der Nähe stehenden Gebäuden zu vermeiden. Es wurden unter anderem Deiche und Ufersicherungen errichtet sowie Nebenarme gesperrt. Die Normbreite der Mur wurde auf 76 Meter festgelegt. Als Vergleich dient hier der Bereich bei Wildon, im Norden der Karte 4.5.2.4. Hier erreichte die Mur, inklusive aller Nebenarme, vor der Regulierung eine Breite von rund 350 Metern. In der Karte sind noch alte Nebenarme, die verlandet sind, zu erkennen.

Die Regulierung und Begradigung des Flusses löste durch die höhere Fließgeschwindigkeit eine Eintiefung der Mur in ihrem Flussbett aus und infolgedessen eine, zumindest lokale, Senkung des Grundwasserspiegels. Auch kam es zur Reduktion der Überflutungshäufigkeit der abgeschnittenen Nebenarme und Mäander, was zu einer Verlandung und zum Trockenfallen der Auwaldgebiete und Seitenarme führte. Diese fortschreitende Verlandung war aber ein Gewinn für die Grundstücksbesitzer der angrenzenden Flächen, die von nun an diese Flächen landwirtschaftlich nutzen konnten.

Die Ökologie der Augebiete litt und leidet unter der Regulierung des Flussbettes und später unter der Errichtung von Wasserkraftwerken, die ab 1931 gebaut wurden und heute eine durchgehende Kette zwischen Bodendorf (Bezirk Murau) und Spielfeld (Bezirk Leibnitz) bilden und zur Stromerzeugung ohne fossile Brennstoffe beitragen. Es handelt sich dabei großteils um Laufkraftwerke ohne Speicherkapazität, die deshalb wenig Einfluss auf Hochwasserwellen ausüben können.

Heute werden Flüsse weitgehend wieder renaturiert um dem früheren ökologischen Zustand wieder nahezukommen, verdrängte Arten wieder anzusiedeln, die Fließgeschwindigkeit des Flusses wieder zu reduzieren, Platz für Retentionsflächen zu schaffen um Hochwasserwellen abzuschwächen und den einstigen Charakter von Flüssen und Flussläufen wiederherzustellen.

Erklärung

Franziszeischer Kataster 1823 – Enns bei Schloss Trautenfels

Kulturlandschaftswandel am Beispiel „Enns bei Schloss Trautenfels“ (zur Karte 4.5.2.5)

Die Gestalt des Ennstals und das Leben im Ennstal sind extrem stark von dem Fluss Enns bestimmt und geprägt. Zum einen bestimmt die Enns das Aussehen des Tales durch die zahlreichen Schwemmkegel der Seitenflüsse und durch das breite und früher stark mäandrierende Flussbett. Zum anderen bestimmen die vielen Hochwasser-ereignisse, die seit jeher stattgefunden haben, die Lage der Siedlungen und die Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen.

Vor Beginn der Flussregulierungsarbeiten Anfang der 1860er Jahre, bestimmte die Enns die Talsohle des Ennstals (siehe Abbildung 4). Sie wand sich durch das Tal, vorbei an Schwemmkegeln und Mooren und bildete Mäander und Altarme aus. Durch die Schneeschmelze im Frühjahr erlangt der Pegel des Flusses in den Monaten Mai und Juni seinen Höchststand. Es wurde überliefert, dass im Überschwemmungsgebiet oft bis zu 12 Wochen das Wasser stand. Weiters traten in den Sommermonaten häufig niederschlagsbedingte Hochwasserereignisse auf. Dies erschwerte oder verhinderte die Nutzung des Talbodens als Acker und als Siedlungsraum. Auch der Verkehr war aufgrund der Wassermassen immer wieder eingeschränkt. Die wechselfeuchten Wiesen konnten aber teilweise zur Heuproduktion genutzt werden. Auch heute sind die kleinen Heuhütten, die auf Wiesen verteilt am Talboden stehen und zur Lagerung dienten, noch im ganzen Tal, aber auch auf Almen, verteilt zu sehen. Früher gab es sie noch in weit höherer Zahl. Neben Wiesen und Mooren waren auch weite Flächen des Ennstals mit Schilfrohr und Auwald bedeckt.


Abb. 4: Ausschnitt aus dem Franziszeischen Kataster im Bereich Niederstuttern mit Augebiet und Altarmen (Quelle: GIS Steiermark, 2018)

In der Karte 4.5.2.5 ist auf der rechten Seite der Franziszeische Kataster abgebildet, der in diesem Gebiet 1823, also vor der Ennsregulierung, vermessen wurde. Man erkennt den stark mäandrierenden Charakter mit den zahlreichen Altarmen des Flusses. Erst am Rande der Talsohle, auf Schwemmkegeln oder in leichten Hanglagen, sieht man (in beige dargestellt) ackerbaulich genutzte Flächen. Wald, im Franziszeischen Kataster in dunkelgrau dargestellt, herrscht meist in steilem oder unwegsamen Gelände vor. Auch eine Querung der Enns war zu dieser Zeit nur an wenigen Stellen möglich.
In der Karte zu sehen ist auch das Schloss Trautenfels (im Nordosten), das bis ins 16. Jahrhundert Schloss Neuhaus hieß (siehe Abbildung 5). Das Schloss liegt leicht erhöht über der Enns am Fuße des Grimmings auf einem Felssporn. So vor Hochwasser geschützt, nahm die Burg eine wichtige Stellung am Kreuzungspunkt der Salzstraße aus dem Salzkammergut und dem Verkehrsweg durch das Ennstal.


Abb. 5: Schloss Trautenfels, Vischers Topographia Ducatus Styriae 1681 (https://austria-forum.org/af/Heimatlexikon/Schloss_Trautenfels, August 2018)

Unter Kaiser Franz Joseph. I. wurde Anfang der 1860er die Regulierung der Enns beschlossen. Sie wurde auch als „Fruchtbarmachung des Ennstals“ bezeichnet. Von 1863 bis 1870 waren die Arbeiten anberaumt, begradigt wurde aber bis Ende der 1920er Jahre zwischen Weißenbach bei Haus und dem Gesäuseeingang. Bei der Regulierung wurden 27 Durchstiche angelegt, die den Flusslauf auf diese Weise verkürzen sollten. Bis zum Ende der Regulierungsarbeiten war die Länge der Enns in diesem Bereich um mehr als 19 km reduziert worden. Weiters wurde die Enns auf eine Normbreite eingeschränkt.

Die Folge der Ennsregulierung war für den Menschen positiv. Da der Fluss nicht mehr über die ganze Talsohle mäandrierte und sich ständig ein neues Flussbett suchte, konnten die Menschen neues Acker- und Wiesenland bestellen. Durch die Normbreite war auch eine Überquerung des Flusses erleichtert. Die abgetrennten Altarme verlandeten und wurden so trockengelegt. Durch die schnellere Fließgeschwindigkeit des Wassers im neuen, kürzeren Flussbett, vertiefte sich die Enns weiter. Dies hatte zufolge, dass auch im Nahbereich der Enns der Grundwasserspiegel sank und es zu einer großflächigen Entwässerung kam.
 
In der Karte ist links eine Darstellung der heutigen Situation zu sehen. Die Enns ist im Gegensatz zur Situation vor der Regulierung sehr schmal. Die Altarme sind im Luftbild noch gut auszumachen. Weiters ist eine landwirtschaftliche Nutzung des Talbodens ersichtlich. Schilfrohr und Auwälder im Bereich der Enns haben sich dramatisch verringert, was zugleich das Verschwinden des Lebensraumes für viele Tier- und Pflanzenarten bedeutet.

Neben zahlreichen Hochwasserereignissen vor der Ennsregulierung, stellen auch während und nach der Regulierungsarbeiten Überflutung die Bevölkerung auf eine harte Probe. Immer wieder wurden Straßen und Brücken, sogar Eisenbahnbrücken von den Fluten weggerissen.

Erklärung

Franziszeischer Kataster 1825 – Schloss Seggau, Leibnitz und Flavia Solva

Kulturlandschaftswandel am Beispiel „Schloss Seggau, Leibnitz und Flavia Solva“ (zur Karte 4.5.2.6)

Das Schloss Seggau liegt westlich der Stadt Leibnitz in der Südsteiermark. Auf dem steilen, bewaldeten Bergrücken, der von einer Schlinge der Sulm umflossen wird, thront das Schloss, von dem aus man eine gute Aussicht in das Sulmtal und über die Murebene bis nach Slowenien hat (siehe Abbildung 6).

Die erste Besiedelung dieses Ortes geht auf das 4. Jahrtausend v.Chr. zurück. Die lange Geschichte bezeugt noch heute eine Vielzahl von archäologischen Funden aus keltischer und römischer Besiedelung. Der Name Seggau leitet sich von der Abtei Seckau, die bis ins 18. Jahrhundert Bischofsitz der Diözese war. Im Laufe der langen Besiedlungsgeschichte entstand aber nicht nur eine Burg an diesem Ort. Bis zur Vereinung im 16. Jahrhundert waren auf dem Schlossberg drei Burgen mit unterschiedlichen Besitzverhältnissen beheimatet und baulich getrennt:

⦁    Burg Leibnitz – Hauptburg und im Besitz der Salzburger Erzbischöfe
⦁    Burg der Bischöfe von Seckau
⦁    Burg Polheim – etwas abgelegen und im Besitz der Burggrafen.

Nach der Zusammenführung der Burgen und der Aufhebung der baulichen Trennung wurde auch eine alles umfassende Wehrmauer errichtet.


Abb. 6: Schloss Seggau, Vischers Topographia Ducatus Styriae 1681 (https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Seggau, November 2018)

Schloss Seggau war auch ein bedeutendes geistliches Zentrum und diente bis 1786 als Repräsentationssitz der steirischen Bischöfe und danach noch immer als Sommerresidenz. In den vielen Bauten, die unter Denkmalschutz stehen, befinden sich herausragende Kunstschätze.

Nicht nur durch seine Bedeutung als geistliches Zentrum fällt Schloss Seggau auf, sondern auch durch seine gute Lage, die schon seit jeher als Siedlungsraum und Zentrum genutzt wird. Die steilen Bergrücken und die Flussschlinge der Sulm erschwerten es zusätzlich das Schloss einzunehmen. Die gute Aussicht vom Berg ließ keine überraschenden Angriffe zu.

Unweit des Schlosses im Südosten am westlichen Ufer der Mur, ca. 4 km entfernt, befand sich die römischen Siedlung Flavia Solva (siehe Abbildung 7), die eine Besiedlung des Raumes seit tausenden Jahren bezeugen kann. Auf vormals keltischen Siedlungsresten, wurde der Ort am Ufer der Mur errichtet und bis ins 5. Jahrhundert besiedelt. Die Stadt war planmäßig angelegt mit rechtwinklig kreuzenden Straßen. Sie besaß auch ein Amphitheater. Nach dem 5. Jahrhundert wurde die Stadt zerstört und die Bewohner dürften sich auf nahegelegene Höhenlagen zurückgezogen haben.


Abb. 7: Modell von Flavia Solva – Universalmuseum Joanneum (https://www.museum-joanneum.at, November 2018)

Später entwickelte sich etwas nördlich der römischen Siedlung die Siedlung Leibnitz, die in Schutzlage zum Schloss Seggau und an der alten römerzeitlichen Straße wirtschaftlich günstig lag. Durch den Neubau der Reichsstraße zwischen Wien und Triest 1743, die von da an nicht mehr durch den Markt Leibnitz führte, verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Ortes zusehends. Als 1846 allerdings die österreichische Südbahn in Betrieb genommen wurde, stand einem Aufschwung durch einen überregionalen Verkehrsanschluss nichts mehr im Wege. 1913 wurde der Markt Leibnitz schließlich zur Stadt erhoben.

Seit 2009 ist das umgebaute Schloss Seggau als Seminar-, Tagungs- und Kongresszentrum mit Hotel und 300-jährigem Weinkeller ein beliebtes Ziel sowohl für Touristen als auch für Tagungsbesucher.

Unweit des Schlosses Seggau, in ca. einem Kilometer Entfernung am Fuße des Kogelbergs im südsteirischen Sausal nahe des Sulmsees, liegt das Landesweingut Silberberg mit seiner dazugehörigen Fachschule. Die 1895 gegründete Weinbauschule war und ist in Besitz des Landes Steiermark, welches den Weinbau in dieser Region förderte und auch in Not geratene Betriebe übernahm. Das Landesweingut bewirtschaftet viele Steilhanglagen des Sausals durch Kleinterrassierung und bringt Spitzenweine hervor.

In der Karte 4.5.2.6 ist links eine Darstellung der heutigen Situation zu sehen. Schloss Seggau mit den bewaldeten Flanken ist gut zu erkennen. Ebenso sticht der heutige Sulmsee ins Auge, der 1825 im Franziszeischen Kataster noch nicht vorhanden war. Das sumpfige Gebiet nahe des Schlosses Seggau wurde künstlich vertieft und so ein kleiner See angelegt. Die Sulm umfließt den Bergrücken mit den Schloss Seggau in einer Schleife und verbreitert sich durch die Mündung der Laßnitz in die Sulm. Die Flüsse waren um 1825 noch nicht reguliert und wiesen Seitenarme, Sandbänke und ein sehr breites Flussbett auf.
 
Der Markt Leibnitz ist noch als kleiner Ort zu erkennen, da sich der Markt 1825 in einer wirtschaftlichen Krise befand. Der Vergleich mit der heutigen Größe lässt die Stärke des folgenden Aufschwungs erahnen. 1825 war auch die Südbahn noch nicht fertiggestellt.

Etwas nördlich des heutigen Sulmsees sind sowohl im Luftbild als auch im Franziszeischen Kataster (rosa Flächen) die Weingärten an den Hängen des Sausals erkennbar. Schon lange vor der Gründung des Landesweingutes 1895 wurde im milden Klima der Hanglangen Wein und Obst angebaut.

Der Standort der römischen Siedlung Flavia Solva oder deren Ausgrabungen sind in den historischen Karten nicht abgebildet. Ein Ausschnitt aus dem Luftbild ist oben mittig zu finden. Die Lage ist auf der Übersichtskarte rechts oben mit einem petrolfarbenen Umriss markiert.

Erklärung

Franziszeischer Kataster 1823 – Markt und Schloss Stainz

Kulturlandschaftswandel am Beispiel „Markt und Schloss Stainz“ (zur Karte 4.5.2.7)

Der Markt und das Schloss Stainz liegen an den Ausläufern der Koralpe, genaugenommen des Reinischkogels, in der Weststeiermark. Das Gebiet ist durch idyllische Wald- und Wiesenlandschaften an sanften Hängen geprägt.

Die Besiedelung dieses Gebietes geht nachweislich schon bis in die Steinzeit zurück. Es ist anzunehmen, dass im Laufe der Jahrhunderte am Stainzer Schlossberg eine Befestigung entstand und in ihrem Schutz am linken Ufer des Stainzbaches, in Schutzlage zum Schlossberg und Fluss, der erste Siedlungskern erbaut wurde. Schon sehr früh, nämlich im Jahr 1218, erhält Stainz das Marktrecht. Wenig später, im Jahr 1229, wurde am Standort des heutigen Stainzer Schlossberg das Augustiner Chorherrenstift Stainz gegründet und so zu einem wichtigen Zentrum der Geschichte. Der Markt fiel ab dieser Zeit unter die Verwaltung des Klosters und ein neuer Hauptplatz wurde am rechten Ufer des Stainzbaches angelegt, wo er auch heute noch besteht. Das Stift erlebte seine Blütezeit im 17. Jahrhundert und wurde immer wieder erweitert und im Stile des Barocks gestaltet.

Georg Matthäus Vischer war einer der bedeutendsten österreichischen Topografen, Kartografen und Kupferstecher seiner Zeit (17. Jahrhundert).
 
In Abbildung 8 ist das Augustiner Chorherrenstift Stainz Mitte des 17. Jahrhunderts in seiner Blütezeit durch einen Kupferstich von Georg Matthäus Vischer abgebildet. Die Blickrichtung nach Nordwesten lässt im Hintergrund deutlich überhöht die mehr oder weniger bewaldeten Hänge des Reinischkogels erahnen. Der steile brachliegende Südhang des Schlossberges, der erst später mit Wein bepflanzt wurde, und die Befestigungsanlagen des Augustiner Chorherrenstiftes sind ebenso markant wie der Markt am Fuße des Schlossberges und der steile Zugangsweg.

Im Jahr 1795 wurde das Stift unter Kaiser Joseph II. im Zuge der Säkularisation aufgelöst und die Mönche vertrieben. Dies bedeutete, dass der Besitz, der zum Augustiner-Chorherrenstift gehörte, nun in Staatsbesitz überging.

45 Jahre später, im Jahr 1840, erwarb Erzherzog Johann, nach langem Bemühen, das ehemalige Stift und mit ihm die Herrschaft über das Stainzer Gebiet. Das Schloss Stainz ist auch heute noch in Besitz seiner Nachkommen, der Grafen von Meran.

Erzherzog Johann lag die Region sehr am Herzen. Er errichtete auf seinem neu erworbenen Schloss ein landwirtschaftliches Mustergut. Weiters widmete er sich besonders dem Weinbau, vor allem dem Schilcherweinbau, der typisch für diese Region ist. Durch seine Förderung und sein Engagement errichtete er ein neues wirtschaftliches Standbein und eine neue Identität für die Region.

Der Schilcherwein ist schon seit ca. 400 v.Chr. bekannt und wurde schon von den Kelten gezogen. Die Rebsorte dieses Weines nennt sich „Blauer Wildbacher“ und erreichte durch Erzherzogs Johanns gegründete „Schilcherrebschule“ und seine Förderung eine nennenswerte Ausbreitung. Auch wurden die bisher kahlen Hänge des Schlossberges von nun an weinbaulich genutzt. Dies trug zur Identitätsbildung und dem neuen Selbstbewusstsein der Schilcherregion maßgebend bei.

Erzherzog Johann war äußerst beliebt wegen seines Engagements in der Region und wurde schließlich 1850 zum ersten frei gewählten Bürgermeister von Stainz gewählt.

Heute ist im Schloss Stainz auch ein Museum untergebracht, das zum Universalmuseum Joanneum gehört. Neben dem Jagdmuseum kann auch ein Landwirtschaftsmuseum besucht werden.


Abb. 8: Schloss Stainz, Vischers Topographia Ducatus Styriae 1681 (https://austria-forum.org/attach/Wissenssammlungen/Burgen_und_Schlösser/Steiermark/Stainz/stainz.jpg, November 2018)

Die Region Stainz ist auch namensgebend für die „Stainzer Platten“, ein Gestein aus Gneis, das vorwiegend als Baumaterial, z.B. für Bodenplatten, verwendet wird.

1892 – mit Eröffnung der lokalen Bahnverbindung nach Preding – ermöglichte die neue Schmalspurbahn somit den Anschluss an das übergeordnete Verkehrsnetz. Heute wird die Stainzerbahn, die auch unter dem Namen „Flascherlzug“ bekannt ist, nur mehr touristisch genutzt. Der Beiname geht auf den Wunderdoktor „Höllerhansl“ zurück, der in der Nähe von Stainz praktizierte. Er hatte den Ruf, Krankheiten im Urin von Menschen zu erkennen, weshalb im Zug nach Stainz viele Kranke mit „Flascherl“ voll Urin unterwegs waren. Die Bezeichnung „Flascherlzug“ hielt sich bis heute.
 
In der Karte 4.5.2.7 ist links eine Darstellung der heutigen Situation zusehen. Der Stainzer Schlossberg ist im Süden, im Norden und im Nordwesten von Weingärten umgeben. Im rechten Fenster ist der Franziszeische Kataster abgebildet, der in der Region im Jahr 1823, also vor der Übernahme des Schlosses durch Erzherzog Johann, kartiert wurde. Hier ist deutlich zu erkennen, dass die Flächen rund um das Schloss zwar landwirtschaftlich genutzt wurden, die Weingärten jedoch großteils erst mit Erzherzog Johann am Stainzer Schlossberg Einzug hielten. Die bei der Gründung des Marktes angelegte Dorfform ist heute noch deutlich zu erkennen. Die Erweiterung des Marktes ist natürlich sowohl durch Wohngebiete als auch durch wirtschaftlich genutzte Flächen fortgeschritten, die Grundstrukturen sind jedoch noch ähnlich und erkennbar. Auch werden noch viele Flächen rund um den Markt landwirtschaftlich genutzt. Die Ausdehnung der bewaldeten Flächen hat sich im dargestellten Bereich nicht sehr verändert. Die Verkehrswege wurden erweitert, vor allem durch die B76, die Radlpass-Straße, die von Graz an Stainz vorbei führt in Richtung Radlpass an der Grenze zu Slowenien.
Der Kulturlandschaftswandel im Raum Stainz ist weniger stark ausgeprägt als in anderen Bereichen der Steiermark.

Erklärung

Franziszeischer Kataster 1825 – Weststeirisches Almenland

Kulturlandschaftswandel im steirischen Almenland am Beispiel Weststeiermark (zur Karte 4.5.2.8)

Almen sind landwirtschaftlich genutzte Flächen (meist Weiden) und Objekte, die aufgrund ihrer Höhenlage nur saisonal bewirtschaftet werden können. Der landwirtschaftliche Hauptbetrieb ist meist nicht in unmittelbarer Nähe angesiedelt. Die Almwirtschaften liegen oft im Bereich der Waldgrenze. Der Begriff Almwirtschaft schließt sowohl Sennerein als auch Weidebetriebe, Acker- und Feldbau ein.

Die Almwirtschaft ist eine typische Landwirtschaftsform der Steiermark, die schon so seit Beginn der intensiven Viehwirtschaft besteht. Eine erste Blütezeit erlebte die Almwirtschaft im 14. und 15. Jahrhundert. Vor allem die Käseherstellung wurde größtenteils auf Almen durchgeführt und die Klöster und Landesherren legten besonderen Wert darauf. In dieser Zeit kam es auch zu Rodungen um mehr Weidefläche für Almwirtschaften zu gewinnen.

Im 16. und 17. Jahrhundert stellte sich allerdings eine Abnahme der Almwirtschaft ein, vor allem durch eine weideeinschränkende Waldordnung, die durch die beginnende Eisenindustrie initiiert wurde. Die Eisenverarbeitung erforderte große Mengen an Brennmaterial, vorwiegend Holzkohle, die durch Köhlerei erzeugt wurde. Wegen des Rückgangs der Waldgebiete durch Rodungen um Holz als Bau-, Heiz- und Holzkohlerohstoff zu nutzen, aber auch um Almflächen zu gewinnen, wurde durch die zuvor genannte Waldordnung die Waldbewirtschaftung neu geregelt. Damit wurden eine nachhaltige Versorgung mit Holz als Rohstoff und die Schutzfunktion des Waldes, vor allem nach einigen Hochwasserkatastrophen, sichergestellt. Durch diese Maßnahmen reduzierten sich die Almflächen weiter bis es zur Existenzbedrohung für den Bergbauernstand kam. Im Jahr 1887 wurde das Umdenken in einer Schutzerklärung und Förderungsvereinbarung an die Almwirtschaft festgehalten. Bis in die 1970er Jahre war eine intensivere Nutzung der Almen spürbar.

Durch den Rückgang der Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgungswirtschaft), durch den geringen Ertrag und durch den zeitintensiven Arbeitsaufwand wurden immer mehr Almen und Almflächen aufgegeben. Die generelle Entsiedlungstendenz der peripheren Räume, der Wechsel vom Haupterwerb in den Nebenerwerb der landwirtschaftlichen Betriebe und die arbeitsintensive Bewirtschaftung der Almen führten zu einer kontinuierlichen Reduktion des bewirtschafteten Almenlands. Durch die extensive oder fehlende Bewirtschaftung der Flächen verbuschen und verwalden immer mehr Gebiete, die bisher almwirtschaftlich genutzt wurden, oder fielen brach.

Zwischen 1984 und 2018 nahm die Zahl der Almen in der Steiermark um 46% ab (vgl. Abbildung 9).Allein zwischen 1999 und 2013 verringerten sich die als Almen und Bergmähder genutzten Flächen der Steiermark um rund 64% (vgl. Abbildung 10).


Abb. 9: Zahl der Almen der Steiermark laut Daten des BMNT und AMA, interpoliert

Weitere Probleme sind es, dass immer weniger Vieh zur Bewirtschaftung der Flächen aufgetrieben wird, die Pflege der Zäune und Gatter zu arbeitsintensiv wird und zu wenige Arbeitskräfte für das Schwenden der Almflächen verfügbar sind.

Heute wird der ökologische und kulturlandschaftliche Stellenwert der Almwirtschaft erkannt und durch die öffentliche Hand gefördert. Dies bewirkt zumindest eine Stagnation in der Zahl der Almen in der Almenland-Statistik.


Abb. 10: Fläche der Almen in der Steiermark laut Daten der Landwirtschaftskammer Steiermark, interpoliert

Der überbetriebliche Nutzen der Almwirtschaft kann in verschiedene Kategorien gegliedert werden. Der Nutzen für die Landwirtschaft liegt etwa in der Erzeugung hochwertiger Produkte oder in der Verbesserung der bäuerlichen Existenzgrundlage. Durch Abweiden des Pflanzenbestandes können Erosionen, Muren, Rutschung und Lawinen verhindert oder verringert werden und die Wasserspeicherung des Bodens verbessert werden. Ökologisch gesehen ist die Almwirtschaft ressourcenschonend und erhöht durch die Bewirtschaftung die Biodiversität. Die Grünlandflächen, die besondere Kulturlandschaft und diese alpine Wirtschaftsform werden erhalten.

Auch der Tourismus setzt sich immer mehr für die Erhaltung der Almwirtschaft ein, die für eine abwechslungsreiche Landschaft mit attraktiven Wanderwegen, Almhütten als Einkehrzielen, Almwegen als Rodelwegen und Almflächen als Schipisten sorgt.

In der Karte 4.5.2.8 ist ein Ausschnitt aus dem Weststeirischen Almenland im Koralpengebiet abgebildet. Links ist ein Orthofoto der heutigen Situation im Bereich Poschkogel/Reinischkogel, also im Einzugsgebiet der Laßnitz, dargestellt. Im rechten Kartenfeld ist derselbe Ausschnitt des Franziszeischen Kataster abgebildet, der in diesem Gebiet um 1825 kartiert wurde. Die Waldflächen wurden im Franziszeischen Kataster in dunkelgrau verzeichnet, Wiesen und Weideflächen in grün und Ackerflächen in beige.

Schon auf den ersten Blick ist klar ersichtlich wie viele ehemals almwirtschaftlich genutzte Flächen in diesem Gebiet verwaldet sind und aufgelassen wurden. In Abbildung 11 ist ein Ausschnitt der Karten vergrößert und auch als Überlagerung beider Karteninhalte dargestellt, um die Situation zu verdeutlichen.


Abb. 11: Ausschnitte aus dem weststeirischen Almenlandgebiet (links: Franziszeischer Kataster, Mitte: 50% Überlagerung, rechts: Orthofoto (Quelle: GIS Steiermark, 2018)

Die Gründe für die Verwaldung der Almflächen und die Extensivierung der Almwirtschaft wurden bereits zuvor im Kapitel dargelegt. Es fällt auf, dass auch die meisten der ackerbaulich genutzten Flächen aufgegeben wurden.


Quelle und Bearbeiter

Quellenverzeichnis

Kartengrundlage:
Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Bereich Geoinformation
Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Landesarchiv

Quellen:
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Biografie Merian: http://www.regionalgeschichte.net, Zugriff: Juli 2017
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Ennstal-Wiki: http://www.ennstalwiki.at, Zugriff: August 2018
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Leitlinie Enns: Konzept für die Entwicklung des Fluss-Auen-Systems, https://www.verwaltung.steiermark.at/cms/dokumente/11836402_97995775/6b082396/Leitlinie%20Enns%20-%20Endbericht.pdf, Zugriff: August 2018
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Österreichisches Staatsarchiv: http://mapire.eu/de/, Österreichischer Städteatlas, Graz, Zugriff: Juli 2017
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Stainz: www.stainz.at, Zugriff: November 2018

Autorinnen und Autoren

Text:
Christine Schilcher, BSc MSc MSc (2018)

Kartengestaltung:
Christine Schilcher, BSc MSc MSc (2018)

Web-Bearbeitung:
Mag.a Edeltraud Pirker (2019)