2.1.2 Die Steiermark im Neolithikum

2.1.2 Die Steiermark im Neolithikum

Einleitung

Am Ende der letzten Kaltzeit trugen klimatische Gunstfaktoren zu einem Wandel der Lebensweise der Jäger- und Sammlergruppen bei. Durch den Anstieg der Temperaturen ab 9 600 v. Chr. veränderte sich die Pflanzen- und die Tierwelt. Wälder (vor allem Eichenmischwälder) breiteten sich aus, Tierarten wie das Mammut, das Wollnashorn oder der Höhlenlöwe starben aus und andere Tierarten wie das Rentier wanderten ab. In Zusammenhang damit entstanden im Gebiet des „fruchtbaren Halbmondes“ (Süden des heutigen Iraks über den Norden Syriens, Libanon, Israel bis nach Jordanien) günstige Bedingungen für die Nutzung von Wildgetreide. Dies war ein entscheidender Entwicklungsschritt hin zu einem geplanten Anbau von Wildpflanzen wie Einkorn (ab 9 400 v. Chr.) sowie von Emmer, Gerste, Lein und Hülsenfrüchten (ab 9 000 v. Chr.) und damit zur Sesshaftwerdung des Menschen. Parallel dazu wurden im Vorderen Orient Ziegen und Schafe, ab 8 500 v. Chr. auch Schweine und vermutlich ab 8 000 v. Chr. Rinder domestiziert. Damit markiert die Jungsteinzeit/das Neolithikum einen entscheidenden Punkt in der Entwicklung der Menschheit.

Didaktik

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Neolithikum (5 500 bis 4 300 v. Chr.) 

(Die angegebene Datierung bezieht sich auf das Neolithikum im Bereich der heutigen Steiermark.)
Frühneolithikum  Starčevo-Körös-Criş-Kulturkomplex 6 200 bis 5 600 v. Chr.
Linearbandkeramik 5 700 bis 4 600 v. Chr.
Notenkopfkeramik 5 200 bis 4 700 v. Chr.
Stichbandkeramik 4 900 bis 4 500 v. Chr.
Mittelneolithikum  Lengyel-Kultur/ Späte Vinča- und Sopot-Kultur 4 600 bis 4 300 v. Chr.
Spätneolithikum = Kupferzeit  Siehe Kapitel Kupferzeit 4 300 bis 2 500 v. Chr.

Die durch die Landwirtschaft erzielten Lebensmittelüberschüsse führten im Vorderen Orient schließlich zu einer Vergrößerung der menschlichen Populationen und zu einer höheren Dichte der Ansiedlungen. In Folge der anhaltenden Warmzeit und der damit einhergehenden zunehmenden Trockenheit waren die Menschen gezwungen, sich auf die Suche nach neuen Lebensräumen aufzumachen. Durch Abwanderung von zumindest Teilen der Bevölkerung verbreitete sich die sesshafte Lebensweise entlang der Wasserläufe in entferntere Gebiete mit fruchtbaren Böden nach Norden und nach Westen. Aus diesen bereits im Mesolithikum genutzten Routen entwickelten sich im Laufe der Zeit schließlich auch überregionale Handels- und Verkehrsverbindungen. Gegen Ende des 6. Jahrtausends v. Chr. erreichte dieser Neolithisierungsprozess einerseits über den Landweg und andererseits über das Meer Mitteleuropa. Die dort ansässige mesolithische Bevölkerung kam dadurch in Kontakt mit den neolithischen Einwanderern und übernahm deren Lebensweise. Nach anderen Forschungsmeinungen wurde sie von den Migranten verdrängt, da keine anthropologische Kontinuität zwischen diesen Gruppen nachzuweisen sei.

Durch die sesshafte Lebensweise und die dadurch bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln stiegen die Bevölkerungszahlen und zogen sukzessive Änderungen in der Sozialstruktur nach sich. Innerhalb eines größer werdenden Siedlungsverbandes war eine straffere Organisation und eine Aufteilung der einzelnen Tätigkeitsbereiche vonnöten. Dies stand der eher egalitären Lebensweise der nomadischen Jäger- und Sammlerhorden entgegen und führte zu einer stärker strukturierten und schließlich auch hierarchisch gegliederten Gesellschaft. Im Frühneolithikum sind jedoch Indizien, die auf Statusunterschiede hinweisen könnten, noch nicht konkret fassbar. Erst im Mittelneolithikum werden durch monumentale Grabbauten oder herausragende Grabbeigaben Anhaltspunkte für eine Herausbildung von Eliten sichtbar.

Im Umfeld von Siedlungen ist im Neolithikum von einer Nutzrodung des Baumbestandes auszugehen, um Äcker- und Viehweiden anzulegen. Die Rodung von Wäldern und die dadurch entstehenden Freiflächen förderten zudem die Vermehrung von Pflanzenfressern. Die Waldflächen wurden jedoch auch als bedeutende Rohstoffquelle benötigt, denn sie lieferten das Bau- und Brennholz, was vor allem in den kälteren Regionen Europas von entscheidender Bedeutung war, und dienten dem Vieh als Weidefläche.

Weilerartige Siedlungen, die in der Regel auf nahe den Flussläufen gelegenen Hochterrassen errichtet wurden, entstanden. Diese setzten sich in der Linearbandkeramischen Kultur aus mehreren Langhäusern zusammen, die meist zwischen einer Holzpfostenkonstruktion mit Lehm verputzte Rutenwände aufwiesen. Zur Wasserversorgung wurden zum Teil mit Holzkästen ausgekleidete Brunnen angelegt.

Mit dem Anwachsen der Bevölkerungszahlen und der stärkeren Gliederung der Gesellschaftsstruktur war auch ein Wandel der religiösen Vorstellungen verbunden. Denn abgesehen vom rein physischen Arbeitseinsatz, wie der Vorbereitung und Bestellung des Kulturbodens sowie der Pflege und Ernte der Feldfrüchte, waren diverse darüber hinausgehende Kenntnisse nötig, um einen entsprechenden Ertrag zu erzielen. Außerdem war es nötig Vorräte anzulegen, diese auch entsprechend sicher zu lagern und gegebenenfalls zu konservieren, um saisonale Schwankungen in der Verfügbarkeit der Nahrungsmittel einigermaßen ausgleichen zu können.

Vermutlich erlangten in diesen Belangen kundige Personen einen besonderen Status, der durchaus auch mit kultischen Funktionen und Riten verbunden sein konnte. Mittels der Beobachtung von Naturphänomenen wie Sonnenstand, Mondphasen, Niederschläge, Temperaturen und dem Wechsel der Jahreszeiten in Kombination mit dem Lauf der Gestirne entstand bereits in diesem Zeitabschnitt eine Art Kalender, der die Abfolge der landwirtschaftlichen Tätigkeiten bestimmte und damit auch eine fixe Struktur für das menschliche Leben schuf. Mit dem Studium astronomischer Abläufe werden auch die vor allem im Mittelneolithikum auftretenden Kreisgrabenanlagen in Verbindung gebracht.

Im Neolithikum kommen erstmals geschliffene Steinwerkzeuge und -waffen auf. Auch die frühesten Belege über die Herstellung und Verwendung von Keramikgefäßen fallen in diese Epoche. Der Beginn der Erzeugung von Milchprodukten fällt ebenfalls in diese Zeit. Ab der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. wird der von Rindern/Ochsen gezogene Hakenpflug zur Feldbestellung eingesetzt.

Mit dem Neolithikum setzte erstmals eine offenbar von Osten ausgehende Besiedlung des Gebietes der heutigen Steiermark ein. Sie erfasste erst nach und nach weitere Teile des Landes, das sich wegen des größtenteils hügeligen bis gebirgigen Landschaftsreliefs, der ausgedehnten Waldflächen, der rauen Witterung und den oft nur schwierig zu bestellenden Böden als eher siedlungsungünstig erwies. Die fruchtbaren Lössböden Niederösterreichs oder das benachbarte Ungarn boten hierzu wesentlich bessere Voraussetzungen.

Erklärung

2.1.2.1 Frühneolithikum – 2. Hälfte 6. Jahrtausend bis 4 600 v. Chr.

Ab etwa 5 700 v. Chr. entstand die Kultur der Linearbandkeramik als älteste vollneolithische Erscheinung in Mitteleuropa. Die Bezeichnung leitet sich von der charakteristischen Verzierungsart der Keramikgefäße mit einem Bandmuster aus eckigen, wellen- oder spiralförmigen Linien ab. In dieser Zeit entstanden an den nördlichen Lössgrenzen in Mitteleuropa die ersten bäuerlich geprägten dauerhaften Siedlungen. Die Träger der Bandkeramik wanderten vermutlich aus dem Karpatenbecken ein. Der von Serbien, Südwest- und Ostungarn bis nach Rumänien verbreitete sogenannte Starčevo-Körös-Criş Kulturkomplex (6 200 bis 5 600 v. Chr.) gilt als Vorläufer der Linearbandkeramischen Kultur.

Die migrierenden Gruppen gelangten einerseits über Böhmen und Mähren entlang der Elbe und andererseits über Niederösterreich entlang der Donau sowie den Rhein entlang weiter Richtung Westen nach Mitteleuropa. Dort trafen sie auf die in diesen Regionen ansässige mesolithische Bevölkerung. Bezüglich der weiteren Entwicklungen existieren unterschiedliche Forschungsansätze: Möglicherweise wurden die mesolithischen Gruppen nach und nach aus ihrem Lebensraum vertrieben oder sie assimilierten sich mit den neolithischen Einwanderern und nahmen deren sesshafte Lebensweise und die technischen Innovationen auf. Aufgrund der einheitlichen Verbreitung über weite Teile Mitteleuropas (Böhmen, Deutschland, Frankreich, Mähren, Österreich, Polen, Rumänien, Südwestslowakei, Ukraine und Westungarn) kann die Bandkeramische Kultur als die größte Flächenkultur der Jungsteinzeit angesprochen werden.

Abbildung 1: Keramik aus Alt Gleichenberg, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

Abbildung 2: Keramik aus Schiefer bei Fehring, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

In der Steiermark finden sich nur in den östlichen Teilen, im Bereich des Überganges zur pannonischen Tiefebene, Nachweise der ersten neolithischen Ackerbauern und Viehzüchter. Im Gegensatz zu den fruchtbaren und leicht bestellbaren Lössböden im benachbarten Niederösterreich waren die Voraussetzungen für den Ackerbau in der Steiermark vergleichsweise schlecht, was möglicherweise einer weiterreichenden Besiedlung entgegenstand. Aus dem Frühneolithikum sind bislang nur wenige Fundstellen bekannt, an denen Keramikfragmente und Steingeräte geborgen werden konnten. Die beiden auf Anhöhen gelegenen Fundstätten bei der Ruine Alt Gleichenberg und in Hofstätten bei Trautmannsdorf können zum Teil anhand ihrer Verzierung der Starčevo-Kultur oder der mit dieser eng verwandten ältesten Linearbandkeramik in Verbindung gebracht werden. Eine weitere Fundstelle wurde im Bereich einer römerzeitlichen Villa rustica in Schiefer bei Fehring festgestellt.  Dort wurden Fragmente der sogenannten Notenkopfkeramik, die mit der jüngeren Linearbandkeramik gleichzusetzen ist, entdeckt. Trotz der wenigen bislang bekannten Fundstellen belegen diese Beispiele eine sich langsam vollziehende „Neolithisierung“ zumindest des Ostens der heutigen Steiermark.

Erklärung

2.1.2.2 Mittelneolithikum (ca. 4 600 – 4 300 v. Chr)

Mit dem Beginn des Mittelneolithikums wird ein Wandel in der bis dahin über weite Gebiete Mitteleuropas einheitlich ausgeprägten Bandkeramischen Kultur sichtbar. Es entstehen kleinräumige regionale Gruppen, die durch eine Herausbildung von unterschiedlichen keramischen Stilformen charakterisiert werden können. Einerseits wird dieses Phänomen mit Klimaveränderungen in Zusammenhang gebracht, die durch vermehrte Trockenphasen gekennzeichnet sind. Dadurch waren die Menschen gezwungen, in niederschlagsreichere und damit teilweise auch höher gelegenere Regionen auszuweichen. Verbunden mit dem Verlassen der einstigen Siedlungsplätze setzt an diesen Orten eine Wiederbewaldung ein. Andererseits wird die intensive Ausbeutung der Ressourcen als Auslöser für das Aufsuchen neuer Lebensräume betrachtet. In diesem Zusammenhang steht vermutlich auch die sich vermutlich entlang der Flusstäler Richtung Norden und Westen ausbreitende Siedlungstätigkeit in der Steiermark, die ab dem Mittelneolithikum fassbar wird.

Offenbar kam es gegen Ende der Kultur der Bandkeramik zu einer Verknappung des wichtigen Rohstoffes Silex/Feuerstein, der die Grundlage für die Herstellung zahlreicher Werkzeuge bildete. Die Frequenz des überregionalen Rohstoffhandels ging deutlich zurück und man begann vermehrt lokale Lagerstätten zu nutzen. Ab dem Neolithikum ist etwa auch der Abbau des sogenannten Reiner Plattenhornsteines (nahe Stift Rein, Gemeinde Gratwein-Straßengel – siehe auch Kapitel Kupferzeit) nachzuweisen.

Im Mittelneolithikum löst die sogenannte Lengyel-Kultur, die sich im östlichen Teil des mittleren Donaugebietes entwickelte, um 4 800 v. Chr. die Linearbandkeramische Kultur ab. Der namensgebende Ort Lengyel liegt in Zentral-Ungarn. Das Verbreitungsgebiet dieser Kultur reicht von der Südwestslowakei, Mähren, Westungarn, Ostösterreich bis nach Kroatien. Der Stil und die Ausformung der keramischen Erzeugnisse unterscheiden sich deutlich von denen der Linearbandkeramik. In dieser Phase sind erstmals bemalte Keramikartefakte festzustellen, typisch sind vor allem birnenförmige Gefäße und Fußschalen. In Polen, Teilen Österreichs und Tschechiens treten in der spätesten Phase der Linearbandkeramischen Kultur bzw. am Beginn der frühen Lengyel-Kultur mit eingestochenen Ziermustern (Stichbandkeramik) verzierte Keramikgefäße auf, deren Vertiefungen teils mit einer weißen Paste ausgefüllt wurden.

Im Mittelneolithikum lebten die Menschen bevorzugt in lockeren Streusiedlungen, die teils mit Holzpalisaden und Gräben umgeben waren. Die einzelnen Gebäude waren vermutlich Wohnstätten für größere Gemeinschaften oder Sippen. Die Bedeutung der Viehwirtschaft nimmt in dieser Zeit zu. Anhand der Ausstattung der Grabstätten sind aufgrund der Beigaben erstmals gesellschaftlich herausgehobene Personen zu erkennen.

Die ersten im Osten der Steiermark im Frühneolithikum nachweisbaren Siedlungen scheinen nicht lange bestanden zu haben. Erst ab dem Mittelneolithikum setzt die Siedlungstätigkeit offenbar vermehrt wieder ein. Aus der Oststeiermark und dem Umfeld von Graz ist eine relativ große Anzahl an Fundstellen bekannt, die Weststeiermark zeigt jedoch bislang nur eine geringe Dichte an mittelneolithischen Fundstellen. Auch aus der Obersteiermark sind zwei Fundstellen (Burgberg bei Eppenstein, Waltersdorf bei Judenburg) bekannt. Die Lage der Siedlungsplätze ist durchwegs uneinheitlich, neben unbefestigten Höhensiedlungen (Riegersburg, Spiegelkogel, Kanzelkogel, Kapfensteiner Kogel, Wildoner Schlossberg) gibt es auch Siedlungen in mäßig erhöhten Lagen (Noiberg, Hofstätten, Lehenkogel bei Magland) und Talboden- bzw. Talrandsiedlungen (Kleinstübing, Rein, Enzelsdorf, Weitendorf, Rannersdorf, Glojach). Hinweise zur inneren Struktur dieser Siedlungen und zum Aussehen der einzelnen Gebäude liegen aufgrund des derzeitigen Forschungsstandes aus der Steiermark nur unzureichend vor.

Abbildung 3: Beile vom Wildoner Schlossberg, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

Abbildung 4: Beile vom Noiberg, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

Der Beginn der mittelneolithischen Besiedlung der Steiermark erfolgte vermutlich über eine Einwanderung aus Südosten. Dies wird anhand der kulturellen Beziehungen, die in den Fundinventaren der Siedlungen, vor allem des Wildoner Schlossberges ablesbar sind, deutlich.  Auch die Konzentration der Siedlungen und Fundstellen im Bereich der mittleren Steiermark spricht für diese Annahme. Die Verteilung der Einzelfunde (Serpentinbeile) belegt jedoch bereits eine wesentlich weiterreichende und sich entlang der Flusstäler auch in gebirgigere Regionen verbreitende Besiedlung der Steiermark (siehe Karte 2.1.2.3 Neolithikum – Steingeräte und Idole). Abgesehen von diesen spärlichen und meist auf „Altnachrichten“ beruhenden Hinweisen auf eine Ausdehnung der menschlichen Aktionszonen Richtung Norden sind zwei Siedlungsstellen der Lengyel-Kultur im Bereich Aichfeld/Murboden durch jüngste Ausgrabungsergebnisse belegt.  

Abbildung 5: Keramikgefäßfuß vom Wildoner Schlossberg, Foto: E. Ederer

Abbildung 6: Keramikgefäßfragment vom Wildoner Schlossberg, Foto: E. Ederer

Abbildung 7: Tüllenlöffel vom Noiberg, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

Abbildung 8: Abschlaggeräte vom Noiberg, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

Abbildung 9: Klinge vom Wildoner Schlossberg, Foto: ISBE/G. Tiefengraber

Die Fundstücke aus den mittelneolithischen Siedlungen der Steiermark lassen erstmals Rückschlüsse auf handwerkliche Tätigkeiten aber auch auf Ackerbau und Viehzucht zu. So kann man beispielsweise eine lokale Herstellung von geschliffenen Stein- und Abschlaggeräten nachweisen. Die Rohstoffe dafür wurden zum Teil über weite Distanzen verhandelt. Der zur Herstellung von Klingen verwendete rote Szentgál-Radiolarit wurde etwa aus dem Gebiet nördlich des Balatons importiert. Die weitaus umfangreichste Fundgruppe innerhalb der mittelneolithischen Siedlungen der Steiermark stellt die Gefäßkeramik dar. Aufgrund der Gefäßformen und der Verzierungen ist eine enge Verwandtschaft der Keramik mit zeitgleichen Funden der westungarischen bzw. transdanubischen Lengyel-Kultur festzustellen. 

Die Menschen scheinen im Laufe des Neolithikums den Platz für ihre Wohnstätten mehr und mehr unabhängig von den Klima- und Umweltbedingungen gewählt zu haben. Der Handel mit begehrten Rohstoffen belegt ebenso wie die Verbreitung von charakteristischen Kulturerscheinungen bereits bestehende Fernkontakte bzw. Wanderbewegungen. Die Hintergründe hierfür mögen sowohl in der Erschließung neuer Lebensräume für die anwachsende Bevölkerung als auch in der Suche nach neuen Rohstoffvorkommen liegen. Sie führten schließlich zur Entstehung von Verkehrs- und Handelswegen, entlang derer wertvolle Güter transportiert wurden und begünstigten das Aufkommen von Siedlungen in den neu erschlossenen Regionen. Einen Hinweis auf derartige Kulturkontakte liefert auch der Fund einer Hammeraxt aus Kupfer von Typ Pločnik in Weitendorf bei Wildon. Dieses der Lengyel-Kultur zuzuordnende Artefakt stammt vermutlich aus dem Bereich des heutigen Nordbosnien bzw. östlichen Kroatien und ist gemeinsam mit Keramikfunden der Vinča- und Sopot-Kultur vom Wildoner Schlossberg ein deutlicher Beleg für eine Verbindung in diese Region.

Erklärung

2.1.2.3 Idole – Kreisgrabenanlagen – Kult

Charakteristisch für die Lengyel-Kultur ist auch die Herstellung von Figurinen/Idolen wie etwa der unbemalten Keramikfigur der Venus von Langenzersdorf (Weinviertel/NÖ) oder der bemalten Venus von Falkenstein (Weinviertel/NÖ). Auch aus der Steiermark liegen etwa vom Köglberg, Wildoner Schlossberg, von Enzelsdorf bei Graz und Rannersdorf Bruchstücke von sogenannten Idolen aus Keramik vor. Diese abstrakt anthropomorphen Kleinplastiken, die oft weibliche Geschlechtsmerkmale zeigen, werden meist mit religiösen Vorstellungen und kultischen Handlungen sowie Fruchtbarkeitsritualen in Verbindung gebracht. Die Fundzusammenhänge, aus denen diese Artefakte stammen, sind jedoch uneinheitlich, sodass sich keine abschließende Aussage zu deren definitiver Bedeutung und Verwendung treffen lässt. Neben den Idolen werden auch Tonwürfel oder -lämpchen in einen kultischen Kontext gestellt.

Abbildung 10: Idolkopf vom Kögelberg, Foto: UMJ/N. Lackner

Möglicherweise sind die im Bereich der Lengyel-Kultur entstandenen sogenannten Kreisgrabenanlagen, die sich ausgehend vom Raum Ungarn/Slowakei in Richtung Westen verbreitet haben, ebenfalls im Zuge von Kulthandlungen aufgesucht worden. In Niederösterreich (z.B.: Kleinrötz, Bezirk Korneuburg) konnten zahlreiche derartige Anlagen, die aus ein bis drei kreisförmigen oder elliptischen konzentrischen Gräben bestehen, festgestellt werden. Die Grabenringe weisen regelmäßige Unterbrechungen auf und eine Erdbrücke bildet den Zugang zum inneren, zentralen Bereich, der mit Palisaden umschlossen sein konnte. In Hinblick auf die Funktion dieser Anlagen gibt es unterschiedliche Forschungsmeinungen, die von einem zentralen Gemeinschaftsort mit religiöser, politischer und gesellschaftlicher Bedeutung, über eine strategisch gesicherte Fluchtburg bis hin zu einem Viehgehege lauten. Aufgrund der Feststellung, dass die Hauptachsen der Kreisgrabenanlagen mit astronomischen Phänomenen in Verbindung gebracht werden können, interpretiert man sie auch als sogenannte Kalenderbauten. Aus der Steiermark sind bislang keine neolithischen Kreisgrabenanlagen bekannt.


Quelle und Bearbeiter

Quellenverzeichnis

Literatur:
Gleirscher P. (2006): Frühe Bauern in Kärnten und in der Steiermark. In: Gutjahr C. und Roscher M. (Hrsg.): Homo effodiens – der Grabende, Festgabe für Helmut Ecker-Eckhofen zum 70. Geburtstag (= Hengist Studien 1), Wildon, 10-20.

Gronenborn D. und Haak W. (2018): Als Europa (zu) Europa wurde. Die großen Migrationen im Neolithikum. In: Wemhoff M. und Rind M. (Hrsg.): Begleitband zur Ausstellung Bewegte Zeiten, Archäologie in Deutschland, 21. September 2018 – 6. Jänner 2019 Berlin, Berlin, 73-77.

Lenneis E., Neugebauer-Maresch C. und Ruttkay E. (1995): Jungsteinzeit im Osten Österreichs (= Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreich 102/103/104/105, (= Forschungsberichte zur Ur- und Frühgeschichte 17), St. Pölten – Wien.

Parzinger H. (2015): Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, München, 225-269.

Plath T. (2011): Zur Problematik der Nutzungsinterpretation mittelneolithischer Kreisgrabenanlagen, Dissertation, Hamburg.

Richard D. (2020): Das Ende der Steinzeit. Die Ersten Bauern in der Lausitz. In: Koch-Heinrichs F. (Hrsg.): „Das Ende der Steinzeit – Die ersten Bauern in der Lausitz“ Begleitband zur Ausstellung vom 08.02.2020 − 10.01.2021, Kamenz. 

Tiefengraber G. (2006):  Zum Forschungsstand des Neolithikums in der Steiermark. In: Tomaž A. (Hrsg.): Between Sopot and Lengyel. Contributions to Stone Age an Copper Age cultures between the Sava and the Danube (= Annales Mediterranea), Koper, 81-87.

Tiefengraber G. (2018): Der Wildoner Schlossberg. Die Ausgrabungen des Landesmuseums Joanneum 1985 – 1988, Schild von Steier Beiheft 7/2018, (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark, Band 80), Graz.

Tiefengraber G. (2018²): Früh- und Mittelneolithikum (= Jungsteinzeit 2. Hälfte des 6. Jahrtausends bis um 4.300 v. Chr.). In: Hebert B. (Hrsg.): Geschichte der Steiermark Bd. 1, Urgeschichte und Römerzeit in der Steiermark, Wien – Köln – Weimar, 193-227.

Kartengrundlage:
Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Fachbereich GIS

Lehrplan Volksschule, Sachunterricht:
https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/unterricht/lp/lp_vs_7_su_14051.pdf?61ec03

Lehrpläne BHS (HWL und Tourismusschulen, HAK, HTL BAfEP:
https://www.abc.berufsbildendeschulen.at/downloads/?kategorie=24

Lehrplan Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung, AHS Unterstufe/NMS:
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2016_II_113/BGBLA_2016_II_113.html

Lehrplan Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung, AHS Oberstufe: 
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10008568

Autorinnen und Autoren

Text:
Mag.a Susanne Tiefengraber (2021)

Kartengestaltung:
Mag.a Susanne Tiefengraber (2021), Mag.a Bernadette Ebner (2021)

Lehrplanbezüge:
Mag. Michael Lieb (2021)

Mögliche Lernziele:
Mag. Michael Lieb (2021)

Web-Bearbeitung:
Mag.a Bernadette Ebner (2021)

Redaktionelle Bearbeitung:
Nora Schopper BA MSc


Didaktik

Diese Thematik wird allem voran im Lehrplan des Unterrichtsfaches Geschichte und Sozialkunde in der 6. Klasse behandelt. In ausgewählter Form kann das Thema Neolithikum in der Steiermark bereits im Sachkundeunterricht in der Grundstufe II erarbeitet werden. Des Weiteren eignet sich dieses Thema besonders gut zur Gestaltung von projektbezogenem Unterricht in Form von einer Exkursion bzw. eines Museumsbesuches in der gesamten Unterstufe (auch fächerübergreifend mit Geographie- und Wirtschaftskunde).

Die formulierten Lehrplanbezüge versuchen das jeweilige Thema mit verschiedenen Lehrplaninhalten bzw. Lehrplanforderungen zu verknüpfen. Die möglichen Lernziele, welche mittels des Themas des Schulatlas erreicht werden sollen bzw. können, orientieren sich an den, in den Lehrplänen enthaltenen, Lerninhalten bzw. -zielen.  Wichtig zu beachten ist dabei, dass die alleinige Bearbeitung der Themen und Arbeitsmaterialien des Schulatlas Steiermark die Erreichung der Lernziele nicht garantieren kann. Eine Einbettung dieser in eine umfassendere, sinnvolle sowie zielorientierte Unterrichtsvorbereitung ist dafür notwendig.

Lehrplanbezüge und Lernziele für die „Grundstufe“ sind immer auf den Sachunterricht ausgelegt. Jene der „Sekundarstufe I“ beziehen sich auf AHS- bzw. NMS-Lehrpläne. „Sekundarstufe II“ ist nur auf AHS bezogen. Bei Lehrplanbezügen der BHS-Schulformen, sofern nichts zusätzlich in Klammer angemerkt ist, sind folgende Fächer gemeint: HLW und Tourismusschulen = Globalwirtschaft, Wirtschaftsgeografie und Volkswirtschaft; HAK = Geografie (Wirtschaftsgeografie); HTL= Geografie, Geschichte und Politische Bildung; BAfEP = Geografie und Wirtschaftskunde.

Lehrplanforderungen Grundstufe II

Erfahrungs- und Lernbereich Zeit:
Erste Einsichten für Veränderungen durch fachspezifische Arbeitstechniken gewinnen.

  • Beobachten und Erkunden.
  • Sammeln und Vergleichen von Bildern und Quellen (z.B. Chroniken, Erzählungen, Sagen und Bilddokumente).
  • Museumsbesuche, Lehrausgänge (z.B. historische Stätten) – Befragungen (z.B. Fachleute, Zeitzeuginnen, Zeitzeugen).

Die Vergangenheit des Wohnortes an einigen anschaulichen Beispielen erschließen, erste Kenntnisse aus der frühen lokalen und regionalen Geschichte gewinnen.
Durch ausgewählte Bilder und andere Quellen aus der Geschichte und Kultur der Heimat einen ersten historischen Überblick gewinnen.

  • Vergangenes (z.B. im Bundesland, in Österreich, in Europa) an einfachen Beispielen historischer Zeitbilder kennen lernen, einige zeitlich einordnen (z.B. Anlegen eines Zeitstreifens) und gegebenenfalls eine Beziehung zur Gegenwart herstellen.
  • Beispiele aus dem Kulturschaffen des Landes kennen lernen.

Lehrplanforderungen Sekundarstufe I – Geschichte und Sozialkunde

2. Klasse:
Modul 1 (Historische Bildung): Historische Quellen und Darstellungen der Vergangenheit, Kompetenzkonkretisierung:

  • Besondere Merkmale von Darstellungen herausarbeiten und mit anderen Darstellungen vergleichen.
  • Quellen und Darstellungen hinsichtlich ihrer Charakteristika unterscheiden.
  • Merkmale von Quellen und Darstellungen erkennen.

Thematische Konkretisierung:

  • Anhand von Beispielen von der Urgeschichte bis zur Gegenwart den Unterschied von Geschichte und Vergangenheit herausarbeiten.
  • Verschiedene Quellentypen und Darstellungsformen anhand von konkreten Beispielen hinsichtlich ihrer Charakteristika unterscheiden.

Modul 2 (Historische Bildung): Alte Kulturen, Kompetenzkonkretisierung:

  • Darstellungen der Vergangenheit (Rekonstruktionszeichnung) systematisch hinterfragen.
  • Vergleichen von Darstellungen.

Thematische Konkretisierung:

  • Entstehung und Merkmale von alten Kulturen anhand mindestens zweier Beispiele ermitteln.
  • Gesellschaftsstruktur und Alltagsleben in alten Kulturen analysieren.

Lehrplanforderungen BHS

HLW und Tourismusschulen (Geschichte und Politische Bildung):
II. Jahrgang (3. Semester):
Kompetenzmodul 3:
Aufgaben und Grundlagen der Geschichtswissenschaft:

  • Quellen und Methoden.

Orientierung in der Zeit:

  • Historische Kulturräume, Epochen und andere Möglichkeiten der Gliederung.

HTL (Kompetenzbereich Geschichte und Politische Bildung):
II. Jahrgang:
Ziele der Beschäftigung mit Geschichte; Arbeit mit historischen Quellen; Periodisierungskonzepte; Analyse von Geschichtsdarstellungen.

Epochen und Umbrüche:
Neolithische Revolution, Zeitenwende Antike – Mittelalter – Neuzeit.

Die Schülerinnen und Schüler können…

  • neolithische Funde aus der Steiermark zeitlich einordnen und mit der Karte (Fundstätte) in Verbindung bringen. (Grundstufe II)
  • kartografische Darstellungen über die Steiermark im Neolithikum mit anderen Quellen aus dieser Zeit vergleichen. (Sekundarstufe I – Geschichte und Sozialkunde)
  • Gesellschaftsstruktur und Alltagsleben im steirischen Neolithikum kurz skizzieren. (Sekundarstufe I – Geschichte und Sozialkunde)
  • das Neolithikum als historische Epoche grob beschreiben. (HLW und Tourismusschulen)
  • die neolithische Revolution unter Bezugnahme verschiedener Darstellungen, in diesem Fall mittels Karten, erläutern. (HTL)

Das Neolithikum bringt mit der Sesshaftwerdung und der geplanten Produktion von Nahrungsmitteln durch Ackerbau und Viehzucht eine entscheidende Umstellung gegenüber den vorangegangenen Epochen. Die Umwelt wurde diesen Bedürfnissen angepasst und verändert. Der Waldbestand wurde gerodet um Siedlungen, Felder und Weiden anzulegen. Der Wald lieferte das Bau- und Brennholz, das Laub diente als Viehfutter. Der gezielte Anbau von Kulturpflanzen und die Züchtung von Nutztieren veränderte die Landschafts- und Vegetationsstruktur bereits erheblich. Durch Migrationsbewegungen verbreiteten sich im Neolithikum neue Tiergattungen und Pflanzenarten über weite Bereiche und veränderten bzw. verdrängten die ursprünglichen Bestände.

Die neue Lebensweise wirkt sich jedoch auch auf den Menschen selbst aus: durch den engeren Kontakt mit Tieren treten etwa vermehrt „parasitär“ bedingte Krankheiten auf und das menschliche Verdauungssystem musste sich erst auf den Genuss von Getreide und Milchprodukten einstellen.