NATURRAUM UND PHYSISCHE GEOGRAPHIE
Verbreitung typischer Frühblüher
Frühblüher

Verbreitung der Stern-Narzisse

Narzissen-Wiesen sind Pflanzenbestände, in denen im Frühjahr die Stern-Narzisse Narcissus radiiflorus
dominiert (Bohner et al. 2004). Im Steirischen Salzkammergut kommen
Narzissen-Wiesen relativ häufig vor. Sie prägen vor allem zur Zeit der
Narzissen-Blüte im Mai das Landschaftsbild. Für ihr Vorkommen sind das
Klima, die Böden und die Intensität der Grünlandbewirtschaftung
entscheidend.
Bewirtschaftung
Die Narzissen-Wiesen
werden im Steirischen Salzkammergut regelmäßig ein- bis zweimal pro Jahr
gemäht oder extensiv vorwiegend mit Rindern beweidet; auch ein bis zwei
Schnitte und eine anschließende Weidenutzung sind möglich. Die Mahd
erfolgt erst, wenn die Blätter der Stern-Narzisse eingezogen sind. Die
Narzissen-Wiesen werden nicht oder nur sehr schwach, vorwiegend mit
Wirtschaftsdünger (insbesondere Mist oder Gülle), gedüngt.
Standortbedingungen
Das Steirische Salzkammergut befindet sich in den Nördlichen Kalkalpen. Die dominierenden Gesteinsarten sind verschiedene Kalksteine (insbesondere Dachsteinkalk) und Mergel (Flügel & Neubauer 1984). Kalkbraunlehme und Kalklehm-Rendzinen sind häufige und flächenmäßig weit verbreitete Bodentypen. Das Steirische Salzkammergut weist ein relativ winterkaltes und sommerkühles, niederschlags- und schneereiches, ozeanisch beeinflusstes Klima auf (Bohner et al. 2004). Die Narzissen-Wiesen kommen sehr häufig an steilen, schwer zu bewirtschaftenden Hängen oder in den Tallagen, wo eine intensivere Bewirtschaftung wegen ungünstiger Bodenwasserverhältnisse (hoher Grundwasserstand) kaum möglich ist, vor. Die Böden sind vor allem Kalkbraunlehme und Kalklehm-Rendzinen. Die Kalkbraunlehme sind häufig vergleyt oder pseudovergleyt, sie werden also von Grund-, Hang- oder Stauwasser geprägt. Insbesondere Kalkbraunlehme sind tonreiche Böden. Sie neigen in kühlen, niederschlagsreichen Gebieten zur Wechselfeuchtigkeit (Staunässe). Typische Narzissen-Wiesen besiedeln im Steirischen Salzkammergut halbtrockene bis mäßig feuchte Standorte. Die Böden sind relativ nährstoffarm. Stickstoff und Phosphor sind die primär limitierenden Nährstoffe für das Pflanzenwachstum. Der pH-Wert reicht im Oberboden von stark sauer bis schwach alkalisch. Ein niedriger pflanzenverfügbarer Stickstoff- und Phosphor-Gehalt im meist tonreichen Boden, ein kühles, niederschlags- und schneereiches, ozeanisch beeinflusstes Klima und eine regelmäßige extensive Bewirtschaftung sind Voraussetzung für die Existenz von Narzissen-Wiesen.
Pflanzengesellschaft
Die Narzissen-Wiese (Narcissus radiiflorus-Gesellschaft)
ist im Steirischen Salzkammergut eine kräuterreiche, bunt blühende,
relativ niedrigwüchsige, montane Pflanzengesellschaft. Hochwüchsige
Gräser und Kräuter haben in typischen Ausbildungsformen wegen des
relativ nährstoffarmen Bodens nur einen niedrigen Deckungsgrad. Die
tonreichen Böden der Narzissen-Wiesen weisen im kühlen,
niederschlagsreichen Salzkammergut auf Grund spezifischer
bodenphysikalischer Eigenschaften (langsame und geringe Bodenerwärmung,
zeitweise schlechte Bodendurchlüftung) eine geringere
Stickstoff-Mineralisation und höhere gasförmige Stickstoff-Verluste
(Denitrifikation) als tonarme Böden auf. Dadurch wird der Graswuchs
gehemmt und das Kräuterwachstum gefördert. Typische Narzissen-Wiesen
sind daher sehr kräuterreich. Die zahlreichen Kräuter und die extensive
Bewirtschaftung sind hauptverantwortlich für das hohe Blütenangebot und
die bunte Blütenpracht während der Vegetationsperiode. Narzissen-Wiesen
haben somit einen hohen ästhetischen Wert. Kennarten sind Stern-Narzisse
und Groß-Sterndolde Astrantia major. Zu den wichtigsten Begleitarten zählen Trollblume Trollius europaeus, Arznei-Quendel Thymus pulegioides, Alpen-Krokus Crocus albiflorus, Groß-Bibernelle Pimpinella major, Herbstzeitlose Colchicum autumnale, Rauer Löwenzahn Leontodon hispidus, Wiesen-Margerite Leucanthemum vulgare agg., Rot-Straußgras Agrostis capillaris, Rot-Schwingel Festuca rubra und Wiesen-Ruchgras Anthoxanthum odoratum.
Die Stern-Narzisse tritt bei günstigen Umweltbedingungen im
Pflanzenbestand dominant auf. Trotzdem gehören die Narzissen-Wiesen zu
den artenreichsten Pflanzengesellschaften Österreichs. Auf einer Fläche
von 50 m2 kommen im Durchschnitt 70 verschiedene
Blütenpflanzen vor. Für die hohe Pflanzenartenvielfalt sind der relativ
nährstoffarme Boden, die regelmäßige extensive Bewirtschaftung und der
hohe Artenpool im Salzkammergut hauptverantwortlich. Dadurch können
Pflanzenarten mit Verbreitungsschwerpunkt in unterschiedlichen
Pflanzengesellschaften gemeinsam vorkommen. In den Narzissen-Wiesen
finden zahlreiche seltene und/oder gefährdete Pflanzenarten (Rote
Liste-Arten) einen geeigneten Lebensraum. Als größte floristische
Kostbarkeit ist die Herbst-Drehwurz Spiranthes spiralis zu
erwähnen (Bohner et al. 2010). Die Narzissen-Wiesen sind somit eine
relativ naturnahe, arten- und kräuterreiche, bunt blühende
Pflanzengesellschaft mit hohem Naturschutzwert. Sie sind für das
Steirische Salzkammergut ein repräsentativer und landschaftsprägender
Vegetationstyp und daher besonders schutzwürdig.
Stern-Narzisse (Narcissus radiiflorus)
In den Narzissen-Wiesen dominiert im Frühjahr die weiß blühende und duftende Stern-Narzisse. Sie zählt zur Familie der Narzissengewächse Amaryllidaceae. Die Stern-Narzisse hat ihre Hauptblütezeit im Mai. Sie ist ein Zwiebel-Geophyt (Zwiebelpflanze). Dies ermöglicht einen raschen Austrieb im Frühjahr. Sie nützt dadurch das bessere Lichtangebot im noch niedrigwüchsigen Pflanzenbestand aus. Die besonders lichtbedürftige Stern-Narzisse ist eine Giftpflanze; alle Pflanzenteile sind giftig. Die Stern-Narzisse kommt in Österreich in den Bundesländern Steiermark, Kärnten, Nieder- und Oberösterreich vor (Fischer et al. 2008). Sie hat ihren Verbreitungsschwerpunkt in der Steiermark im Salzkammergut. Die Stern-Narzisse kommt von der montanen bis zur subalpinen Höhenstufe vor (Talboden bis Baumgrenze). Sie kann sowohl stark saure als auch schwach alkalische Böden besiedeln. Außerdem erträgt sie Trockenheit und Nässe. Die Stern-Narzisse kommt wegen ihrer großen ökologischen Potenz vor allem in Bezug auf Wasserhaushalt und Säuregrad des Bodens (pH-Wert) in vielen verschiedenen Pflanzengesellschaften vor, sofern die Standorte extensiv bewirtschaftet werden. Man findet sie sowohl in Halbtrockenrasen als auch in Niedermooren. Die Stern-Narzisse erträgt hingegen weder einen frühen und häufigen Schnitt noch eine frühe und intensive Beweidung. Sie hält dem Viehtritt vor und während der Blüte nicht stand. Eine spätere Beweidung (Nachweide) schadet ihr nicht, weil die Stern-Narzisse ihre Blätter rasch einzieht. Auch das Abpflücken der Blütenstängel ist für die Pflanze keine Gefahr, weil sich die Narzissen außer durch Samen auch mittels Brutzwiebeln vermehren können. Im Gegenteil, durch das Abpflücken der Blüten werden die Narzissen zur stärkeren vegetativen Vermehrung angeregt. Außerdem bleiben die Blätter erhalten, wodurch eine ausreichend hohe Assimilationsfläche übrig bleibt. Die Stern-Narzisse wird in den Roten Listen gefährdeter Pflanzen Österreichs (Niklfeld et al. 1999) und im Atlas gefährdeter Farn- und Blütenpflanzen der Steiermark (Zimmermann et al. 1989) als „gefährdet“ eingestuft.
Gefährdung
Die Narzissen-Wiesen sind sowohl durch Nutzungsintensivierung als auch durch Bewirtschaftungsaufgabe und Aufforstung gefährdet. Eine stärkere Düngung sowie ein früherer Schnittzeitpunkt bewirken einen Rückgang der Narzissen und eine Verminderung der Pflanzenartenvielfalt. Die Stern-Narzisse wird bei vermehrter Düngung von höherwüchsigen Gräsern (insbesondere Goldhafer Trisetum flavescens, Wiesen-Knaulgras Dactylis glomerata, Wiesen-Schwingel Festuca pratensis, Gewöhnliches Rispengras Poa trivialis) und hochwüchsigen Kräutern (insbesondere Wald-Storchschnabel Geranium sylvaticum) allmählich aus dem Pflanzenbestand verdrängt. Wenn die Mahd vor oder während der Blüte erfolgt, kann die Narzisse nicht ausreichend Nährstoffe in die Zwiebel einlagern. Dadurch wird der Austrieb im nächsten Frühjahr geschwächt. Bei stärkerer Düngung in Kombination mit einer früheren und häufigeren Mahd wird die artenreiche Narzissen-Wiese – je nach Höhenlage – durch eine artenärmere Frauenmantel-Glatthafer-Wiese (Alchemillo monticolae-Arrhenatheretum elatioris) oder Wald-Storchschnabel-Goldhafer-Wiese (Geranio sylvatici-Trisetetum flavescentis) ersetzt. Auch eine stärkere Beweidung vor und während der Blüte führt zu einem Rückgang der Narzissen. Die Narzissen-Wiesen sind potenzielle Waldstandorte. Wenn sie nicht mehr bewirtschaftet werden, setzt eine Vegetationsentwicklung (Sukzession) ein, die allmählich zu einer Waldvegetation (häufig Fichten-Tannen-Buchenwald) führt. Auch im Falle einer Bewirtschaftungsaufgabe vermindert sich die Pflanzenartenvielfalt. Die Stern-Narzisse hat einen hohen Lichtbedarf. Sie wird – je nach Standort – von höherwüchsigen Gräsern, Kräutern, Sträuchern oder Bäumen allmählich durch Beschattung aus dem brach gefallenen Pflanzenbestand verdrängt.
Schutz- und Pflegemaßnahmen
Die artenreichen, bunt blühenden, duftenden Narzissen-Wiesen sind Lebensräume für viele seltene und/oder gefährdete Pflanzenarten. Sie erhöhen die Arten- und Biotopvielfalt in der Kulturlandschaft und haben daher für die Erhaltung der Biodiversität eine große Bedeutung. Narzissen-Wiesen sind zwar nicht im Steirischen Salzkammergut, wohl aber in Österreich selten und daher besonders schutzwürdig. Die Narzissen-Wiesen prägen insbesondere zur Zeit der Narzissen-Blüte im Mai das Landschaftsbild im Steirischen Salzkammergut. Sie steigern auf Grund ihrer bunten Blütenpracht die Attraktivität der Kulturlandschaft. Die Narzissen-Wiesen zählen deshalb zu den naturschutzfachlich und ästhetisch wertvollen und daher besonders schutzwürdigen Pflanzengesellschaften. Sie müssen als relativ naturnaher, repräsentativer Vegetationstyp und als landschaftsprägendes Element in ihrer derzeitigen Flächengröße und in ihrer charakteristischen Artenzusammensetzung im Steirischen Salzkammergut unbedingt erhalten werden. Dazu sind eine extensive Beweidung oder jährlich ein bis zwei Schnitte notwendig, wobei der erste Schnitttermin sehr spät erfolgen sollte (Juni). Die Pflanzenbestände sollten nicht oder nur sehr schwach mit Wirtschaftsdünger gedüngt werden. Eine stärkere Beweidung ist insbesondere vor und während der Narzissen-Blüte zu vermeiden. Nur durch eine regelmäßige extensive Bewirtschaftung können Narzissen-Wiesen langfristig erhalten werden.
Quellenverzeichnis
Literatur:
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https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/unterricht/lp/ahs9_784.pdf?61ebyf
Lehrplan Geographie und Wirtschaftskunde, AHS Oberstufe:
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Lehrpläne BHS (HLW und Tourismusschulen, HAK, HTL, BAfEP):
https://www.abc.berufsbildendeschulen.at/downloads/?kategorie=24
Lehrplan Biologie und Umweltkunde, AHS Unterstufe/NMS:
https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/unterricht/lp/ahs5_779.pdf?61ebyf
Lehrplan Biologie und Umweltkunde, AHS Oberstufe:
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10008568
Kartengrundlage:
Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Fachstelle GIS
Autorinnen und Autoren
Texte:
Dr. Andreas Bohner (2013), Mag. Patrick Schwager (2014)
Arbeitsmaterial:
Mag. Michael Lieb
Lehrplanbezüge:
Mag. Michael Lieb
Mögliche Lernziele:
Mag. Michael Lieb
Kartengestaltung:
Mag. Patrick Schwager (2013, 2014, 2024), Anna Weissinger MSc (2024)
Web-Bearbeitung:
Mag.a Bernadette Ebner (2019), Anna Weissinger MSc (2026)
Redaktionelle Bearbeitung:
Nora Schopper BA MSc